Depression wird häufig vor allem als psychisches Problem betrachtet. Neue Forschung zeigt jedoch, dass Stoffwechselprozesse, Ernährung und Entzündungen ebenfalls eine Rolle spielen können. Betroffene fragen sich: Könnte Fasten bei Depression helfen?
Manche Menschen berichten während einer Fastenphase von klarerem Denken, mehr Energie oder einer stabileren Stimmung. Gleichzeitig warnen Fachleute davor, Fasten als einfache Lösung für komplexe psychische Erkrankungen zu betrachten. Ein differenzierter Blick auf Chancen, Grenzen und medizinische Begleitung ist daher entscheidend. Der folgende Beitrag erklärt, welchen Einfluss das Fasten auf eine Depression leisten kann.
Was therapeutisches Fasten bedeutet
Ennio Reidel – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ernährungsmediziner – beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Verbindung zwischen Stoffwechsel, Ernährung und psychischer Gesundheit. In seiner Praxis behandelt er Privatpatienten sowie gesetzlich Versicherte Selbstzahler und verfolgt einen Ansatz, der psychiatrische Diagnostik mit ernährungsmedizinischen Perspektiven kombiniert. „Therapeutisches Fasten bezeichnet einen zeitlich begrenzten, medizinisch begleiteten Verzicht auf feste Nahrung, der nicht in erster Linie der Gewichtsabnahme dient, sondern der Stabilisierung von Stoffwechsel, Immunsystem und psychischem Wohlbefinden”, erklärt er. “Während des therapeutischen Fastens werden meist weiterhin Flüssigkeit, Kräutertees, Gemüsebrühen oder verdünnte Säfte aufgenommen. Ziel ist es, dem Körper eine Phase der Entlastung zu geben, in der sich bestimmte Stoffwechselprozesse neu regulieren können.“
Eine klare Abgrenzung zum klassischen Diät-Fasten ist wichtig. Viele Menschen verbinden Fasten mit kurzfristigen Diäten oder radikalen Nahrungsverzicht. Herr Reidel erklärt dazu: „Dabei steht nicht das schnelle Abnehmen im Vordergrund, sondern eine gezielte Stoffwechselumstellung. Das sogenannte Diät-Fasten wird meist mit dem Ziel durchgeführt, möglichst schnell Gewicht zu verlieren. Häufig handelt es sich dabei um kurzfristige Diäten oder Nulldiäten ohne medizinische Begleitung.“ Die medizinische Variante verfolgt dagegen ein anderes Ziel: Sie soll Stoffwechselprozesse stabilisieren und körperliche Systeme entlasten.
Welche körperlichen Prozesse beim Fasten entstehen
Während einer Fastenphase verändert der Körper seine Energiegewinnung. Diese Umstellung kann auch Auswirkungen auf das Gehirn haben. Ernährungsmediziner Reidel beschreibt den grundlegenden Mechanismus so: „Beim therapeutischen Fasten stellt der Körper seinen Stoffwechsel vorübergehend um. Anstatt hauptsächlich Zucker aus der Nahrung zu nutzen, beginnt er nach einiger Zeit verstärkt, Energie aus gespeicherten Fettreserven zu gewinnen. Diese Stoffwechselumstellung kann verschiedene biologische Prozesse auslösen, die sich auch auf das Gehirn und die Stimmung auswirken können.“
In dieser Phase entstehen sogenannte Ketonkörper. Sie dienen dem Gehirn als alternative Energiequelle und können verschiedene Stoffwechselwege beeinflussen. Einige Menschen berichten in dieser Zeit von mentaler Klarheit oder verbesserter Konzentration. Herr Reidel weist jedoch darauf hin, dass diese Reaktionen individuell sind: „Manche Menschen berichten in dieser Phase von klarerem Denken, besserer Konzentration oder innerer Ruhe. Andere erleben zunächst eine Anpassungsphase. Fasten ist daher keine universelle Therapie für Depressionen. Es kann bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen und Patienten ein unterstützender Baustein in einem umfassenden Behandlungskonzept sein.“
Für wen Fasten sinnvoll sein kann
Die wissenschaftliche Diskussion über den Zusammenhang zwischen Fasten und psychischen Erkrankungen ist noch relativ jung. „Die wissenschaftliche Forschung deutet darauf hin, dass Fasten über Veränderungen im Stoffwechsel, im Entzündungssystem und im Gehirn potenziell positive Effekte auf Stimmung und Wohlbefinden haben kann. Gleichzeitig sind weitere gut kontrollierte Studien nötig, um zu klären, für welche Patientinnen und Patienten und unter welchen Bedingungen Fasten tatsächlich hilfreich ist. Fasten sollte daher – insbesondere bei bestehenden psychischen Erkrankungen – nur sorgfältig ausgewählt und idealerweise medizinisch begleitet durchgeführt werden“, erklärt Psychiater Reidel.
Fachgesellschaften betrachten Fasten derzeit nicht als eigenständige Therapie für Depression. Ein ergänzender Ansatz innerhalb eines größeren Behandlungskonzepts wird jedoch zunehmend diskutiert. Einige Patientengruppen könnten besonders von einem solchen Ansatz profitieren. Dabei spielen körperliche Faktoren häufig eine Rolle. Herr Reidel erklärt: „Therapeutisches Fasten kann unter ärztlicher Begleitung besonders für Menschen interessant sein, die unter depressiven Symptomen mit starker körperlicher Erschöpfung leiden. Hinweise auf Stoffwechselstörungen oder Insulinresistenz können dabei eine Rolle spielen. Zusätzlich können chronischer Stress oder Schlafprobleme eine Rolle spielen. Manche Patienten haben das Gefühl, dass ihre Beschwerden stark körperlich geprägt sind.“
Gleichzeitig gebe es aber auch Konstellationen, in denen Fasten nicht empfohlen sei. „In bestimmten Situationen sollte auf Fasten verzichtet werden oder es nur unter sehr enger medizinischer Begleitung stattfinden. Dazu gehören zum Beispiel Untergewicht oder Essstörungen. Auch schwere depressive Episoden oder akute Krisensituationen können ein Grund sein, auf Fasten zu verzichten.“
Unterschiedliche Fastenformen und ihre Wirkung
Fasten ist kein einheitliches Konzept. Verschiedene Methoden beeinflussen den Stoffwechsel unterschiedlich stark. „Welche Methode sinnvoll ist, hängt jedoch immer von der persönlichen gesundheitlichen Situation und den individuellen Zielen ab. Beim intermittierenden Fasten wird täglich für eine bestimmte Zeit auf Nahrung verzichtet, zum Beispiel im Rhythmus von 16 Stunden Fasten und 8 Stunden Essenszeit“, erläutert Herr Reidel. Diese Methode lässt sich relativ gut in den Alltag integrieren. Sie kann helfen, Blutzucker- und Insulinspiegel zu stabilisieren.
Andere Menschen entscheiden sich für mehrtägige Fastenphasen. Dabei wird die Stoffwechselumstellung intensiver. Ennio Reidel beschreibt die Erfahrung einiger Patienten so: „In dieser Zeit stellt der Körper seinen Stoffwechsel stärker um und beginnt verstärkt Fettreserven zur Energiegewinnung zu nutzen. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper, die dem Gehirn als alternative Energiequelle dienen können. Einige Menschen berichten in dieser Phase von klarerem Denken, besserer Konzentration und einer stabileren Stimmung.“
Typische Fehler beim Fasten auf eigene Faust
Das wachsende Interesse am Fasten bei einer vorliegenden Depression führt dazu, dass manche Menschen ohne medizinische Begleitung fasten. Genau hier entstehen häufig Probleme, vor denen auch Ernährungsmediziner Reidel warnt: „Fasten kann ein interessantes Instrument sein, um den Stoffwechsel zu regulieren und neue Impulse für Lebensstilveränderungen zu setzen. Entscheidend ist jedoch, dass es individuell angepasst, gut vorbereitet und medizinisch sinnvoll begleitet wird. Ungünstig sind zu lange oder zu strenge Fastenphasen.“
Auch bei psychischen Erkrankungen kann ein übertriebener Ansatz negative Folgen haben. “Gerade bei bereits bestehender Erschöpfung oder depressiven Symptomen kann ein zu intensives Fasten den Körper zusätzlich belasten und die Stimmung eher verschlechtern. Fasten sollte deshalb nicht als alleinige Lösung für psychische Probleme verstanden werden. Auch eine ungünstige Rückkehr zur normalen Ernährung kann Schwierigkeiten verursachen“, ergänzt Herr Reidel.
Fasten als Teil eines umfassenden Therapieansatzes
Die Verbindung zwischen Ernährung und Psyche wird erst seit wenigen Jahren intensiver erforscht. Strukturelle Gründe erklären, weshalb dieses Thema lange wenig Beachtung fand. „In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend gezeigt, dass Ernährung, Stoffwechsel und psychische Gesundheit eng miteinander verbunden sein können. Dennoch spielt dieser Zusammenhang im Alltag vieler medizinischer Versorgungssysteme bislang noch eine eher untergeordnete Rolle“, so Ennio Reidel. Zeitmangel im Praxisalltag und eine starke Spezialisierung innerhalb der Medizin tragen ebenfalls dazu bei, dass solche Zusammenhänge häufig übersehen werden.
Eine sichere Anwendung erfordert eine sorgfältige Vorbereitung. Psychiater Reidel beschreibt den Ablauf in seiner Praxis so: „Zu Beginn steht eine gründliche ärztliche Abklärung, um festzustellen, ob Fasten in der individuellen Situation sinnvoll und sicher ist. Dabei werden unter anderem aktuelle Beschwerden, körperliche Vorerkrankungen und die Medikamenteneinnahme berücksichtigt. Auch Stoffwechsel- und Entzündungsmarker im Labor werden in die Entscheidung einbezogen.“
Auch während der Fastenphase bleibt die medizinische Begleitung wichtig. „Während der Fastenphase wird darauf geachtet, dass Kreislauf, Flüssigkeitshaushalt und allgemeines Befinden stabil bleiben. Bei Bedarf kann das Vorgehen angepasst oder das Fasten frühzeitig beendet werden. Ein wichtiger Bestandteil ist die strukturierte Rückkehr zur normalen Ernährung“, beschreibt Ennio Reidel sein weiteres Vorgehen.
„Fasten wird nicht als isolierte Maßnahme verstanden, sondern als möglicher Baustein innerhalb eines umfassenden Ansatzes. Dazu gehören auch psychotherapeutische Gespräche, Ernährungsberatung, Bewegung und Schlafstabilisierung. So lässt sich sicherstellen, dass Fasten unterstützend wirkt und nicht zu einer zusätzlichen Belastung wird“, ergänzt Psychiater Reidel.
Fasten bei Depression – ein Ansatz mit Zukunft?
Ein medizinisch begleitetes Fasten kann in bestimmten Fällen ein unterstützender Bestandteil einer umfassenden Behandlung sein. Doch „Fasten ist keine allgemeine Behandlung für Depressionen und nicht für jeden Menschen geeignet. Bei bestimmten Patientinnen und Patienten kann es jedoch – als Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts – sinnvoll sein, sich mit diesem Ansatz näher zu beschäftigen.“
Wer vermutet, dass Stoffwechsel, Ernährung oder körperliche Faktoren bei den eigenen Beschwerden eine Rolle spielen könnten, sollte dies medizinisch abklären lassen. Ansprechpartner kann beispielsweise Ennio Reidel – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ernährungsmediziner – sein. In seiner Praxis behandelt er Privatpatienten sowie gesetzlich Versicherte Selbstzahler und kombiniert psychiatrische Diagnostik mit ernährungsmedizinischen Ansätzen, um Körper und Psyche gemeinsam zu stabilisieren.
FAQ – häufigste Fragen und Antworten
- Kann Fasten depressive Symptome beeinflussen?
Ja, Fasten kann bei manchen Menschen Stimmung, Konzentration und Energie positiv beeinflussen, weil sich Stoffwechselprozesse und die Energieversorgung des Gehirns verändern.
- Was versteht man unter therapeutischem Fasten?
Therapeutisches Fasten ist ein medizinisch begleiteter, zeitlich begrenzter Verzicht auf feste Nahrung mit dem Ziel, Stoffwechsel, Immunsystem und psychisches Wohlbefinden zu stabilisieren.
- Warum berichten manche Menschen beim Fasten von klarerem Denken?
Während des Fastens entstehen Ketonkörper, die dem Gehirn als alternative Energiequelle dienen können. Einige Menschen erleben dadurch bessere Konzentration oder mentale Klarheit.
- Für wen kann Fasten bei Depression sinnvoll sein?
Fasten kann besonders für Menschen interessant sein, die neben depressiven Symptomen auch unter körperlicher Erschöpfung, Schlafproblemen oder Stoffwechselstörungen leiden.
- Wann sollte man bei Depressionen nicht fasten?
Bei Untergewicht, Essstörungen, schweren depressiven Episoden oder akuten Krisensituationen sollte Fasten vermieden oder nur unter enger medizinischer Begleitung durchgeführt werden.
- Welche Fastenformen gibt es?
Zu den häufigsten Formen gehören intermittierendes Fasten wie zum Beispiel 16:8 oder mehrtägige therapeutische Fastenphasen unter medizinischer Begleitung.
- Welche Fehler machen Menschen häufig beim Fasten auf eigene Faust?
Zu lange oder zu strenge Fastenphasen können den Körper zusätzlich belasten und depressive Symptome verschlechtern. Problematisch ist häufig auch eine unstrukturierte Rückkehr zur normalen Ernährung.
- Warum wird der Zusammenhang zwischen Ernährung und Psyche oft unterschätzt?
Psychische und körperliche Faktoren werden im medizinischen Alltag häufig getrennt betrachtet. Zeitmangel und Spezialisierung führen dazu, dass Stoffwechsel und Ernährung oft zu wenig berücksichtigt werden.
- Warum sollte Fasten medizinisch begleitet werden?
Vor Beginn sollten körperliche Erkrankungen, Medikamente, Stoffwechselwerte und mögliche Risiken ärztlich geprüft werden. Auch während der Fastenphase ist eine Kontrolle wichtig.
- An wen kann ich mich wenden, wenn ich unter Depressionen leide und mir bislang niemand helfen konnte?
In solchen Fällen kann ein Arzt sinnvoll sein, der psychische Beschwerden gemeinsam mit Stoffwechsel, Ernährung und körperlichen Faktoren betrachtet. Ennio Reidel ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ernährungsmediziner und spezialisiert auf die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Darm und Stoffwechsel.
- Wie kann DankDoc helfen, wenn ich unter Depressionen leide und überlege, ob mir Fasten helfen kann?
DankDoc unterstützt Betroffene dabei, Ärzte zu finden, die psychische Beschwerden ganzheitlich betrachten und neben klassischen Therapien auch Ernährung, Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und Lebensstilfaktoren in die Behandlung einbeziehen.
Weitere Quellen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/diaeten-und-fasten/heilfasten/
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/diaeten-und-fasten/intervallfasten/
AWMF und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung: https://www.nvl-programm.de/themen/depression
AWMF und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung: https://www.nvl-programm.de/themen/depression/patientenleitlinie
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/diaetetik-und-kostformen/antientzuendliche-ernaehrung/
diabinfo: https://www.diabinfo.de/vorbeugen/diabetes/faktencheck/was-ist-eine-insulinresistenz.html

